Josefine Mutzenbacher, 1906 anonym erschienen, inszeniert die angebliche Lebensbeichte einer Wiener Prostituierten als schonungslose Milieustudie des Fin de Siècle. In einem lakonischen, dialektnahen Ton kombiniert der Text Sittenroman, Naturalismus und beißende Satire, um ökonomische Zwänge, Klassenhierarchien und sexuelle Machtverhältnisse offenzulegen. Die Ich-Erzählung arbeitet mit kalkulierter Naivität, die soziale Heuchelei entlarvt und zugleich Fragen nach Autorschaft, Authentizität und Voyeurismus aufwirft. Zensur- und Rezeptionsgeschichte zeigen, wie der Roman kulturelle Tabus testet und als Dokument der Wiener Moderne gelesen werden kann. Felix Salten (1869-1945), als Siegmund Salzmann in Wien geboren, war Journalist, Theaterkritiker und eine prägende Stimme des Jung-Wien. Ihm wird die Autorschaft weithin zugeschrieben. Seine Nahsicht auf die Großstadt, sein Interesse an Randmilieus und an den Diskursen über Sexualmoral und Doppelmoral der Ära speisen die Konstruktion der Erzählerfigur. Als erfahrener Feuilletonist experimentierte Salten mit Rollenprosa und Perspektivwechseln - Strategien, die auch seine späteren Werke, vom Tierroman bis zur Großstadtprosa, prägen. Diese Ausgabe empfiehlt sich volljährigen Leserinnen und Lesern mit Interesse an Wiener Moderne, Gender- und Kulturgeschichte sowie Literatur- und Medienkritik. Sie eröffnet, idealerweise mit kritischem Apparat, einen Zugriff auf ein provokantes, ambivalentes Zeitdokument, das soziale Mechanismen entlarvt und zugleich über sexualisierte Ausbeutung, Gewalt und die Ethik des Erzählens reflektieren lässt.
Quickie Classics fasst zeitlose Werke präzise zusammen, bewahrt die Stimme des Autors und hält die Prosa klar, schnell und gut lesbar - destilliert, niemals verwässert. Extras der erweiterten Ausgabe: Einführung · Zusammenfassung · Historischer Kontext · Kurze Analyse · 4 Reflexionsfragen · Redaktionelle Fußnoten.